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Den Raum beleben - Ein Interview mit Melly Kieweg

12. Juli 2012
Barbara Keil
Wohnen & Leben
Stadt & Architektur

Ich treffe Melly Kieweg, Gründerin und Sprecherin der Bürgerinitiative „Mehr Platz zum Leben“ am Hans-Mielich-Platz in Untergiesing. An diesem Samstagnachmittag feiert dort der Kindergarten „Kirschbaum“ Jubiläum, der Platz ist bevölkert von spielenden Kindern, an den Biertischen und überdachten Bratwurstständen sammeln sich Eltern und das übrige Volk.

Manchmal sehe ich, wie sich aus einem der Fenster der Häuser, die den Platz in italienischer Manier umrahmen, mit verschränkten Armen eine ältere Dame beugt.
Später spielt eine Band von in die Jahre gekommenen Hippies ein entsprechend gezähmtes Programm. Fast eine Kleinstadtszene - aber seltsam beklemmungsfrei. Dies ist der Platz, für dessen Neugestaltung sich Melly Kieweg und ihre Mitstreiter fast fünfzehn Jahre lang eingesetzt haben. Nun säumen rote Bänke den hell gepflasterten, halbrunden Platz. Ein richtiger Platz nach alter Manier, repräsentativer Stadt-Raum und Plattform von Zusammenkunft und Austausch zugleich. Aber nicht nur bietet der Platz tatsächlich einen konkreten Raum zur Kommunikation; die Diskussion um den gemeinsamen öffentlichen Platz hat in den letzten Jahren auch die Bürger Untergiesings zusammengebracht. Und während des Gespräches mit Melly Kieweg, die eine riesige Plastik-Sonnenbrille trägt und ihre bordeauxroten Haare mit einigen lila Kunstblumen zusammengesteckt hält, wird mir klar: sie ist tatsächlich eine Frau, die die Dinge an Menschen heranzubringen versucht. Die die einfachen Belange eines Stadtteils von dem Wasserkopf der Bürokratie und Fremdbestimmung zu befreien versucht, die uns den Raum, in dem wir leben, oft genug entfremdet.

Frau Kieweg, seit über 20 Jahren setzen Sie sich für bürgerliches Engagement in Untergiesing ein und haben zu diesem Zweck auch die Bürgerinitiative „Mehr Platz zum Leben“ gegründet. Dieses Motto weckt viele Assoziationen; zunächst fällt mir eine fast wörtliche Verbindung der beiden Worte „Platz“ und „Leben“ ein, die des „Lebensraumes“. Tatsächlich möchten Sie es Ihren Mitbürgern durch Ihren Einsatz ermöglichen, ihren Lebensraum aktiv mitzugestalten. Doch was gehört in Ihrem Verständnis zum Lebensraum eines Menschen? Welche Bedeutung hat „Platz“ für einen Menschen?

Ich halte es für wichtig, den öffentlichen Raum aufzubrechen, ihn zu beleben. Dazu ist kein großer Aufwand nötig: Zum Beispiel wären wir anfangs mit einer ganz einfachen Umgestaltung des HMP zufrieden gewesen -  zur Abgrenzung einige Barrieren und ein paar Tische und Bänke. Öffentliche Gelder werden immer knapper: umso wichtiger ist es, dem öffentlichen Raum mehr Leben zu geben. Ein anderes Beispiel: das Altersheim St. Franziskus wünschte sich eine Bank. Also habe ich um diese Bank gekämpft. Zunächst erhielt ich die Antwort: Sie haben doch jetzt schon so viele Bänke, wollen Sie diese auch noch? Ich sagte: Warum nicht? Verstehen Sie, eine Bank irgendwo an einem hässlichen Platz - dort kommen die Menschen zusammen, dort entstehen Gespräche, entsteht Kommunikation.

„Den Raum aufzubrechen“ bedeutet also auch: Grenzen aufbrechen, Grenzen dessen, welche Möglichkeiten sich bieten, den städtischen Raum mitzugestalten?

In gewisser Weise schon. Da ich auch Mitglied des Bezirksausschusses bin, weiß ich: jeder Mülleimer hier im Viertel ist ein bürokratisches Problem. Ich habe neun Jahre lang dafür gekämpft, die Abfall-Container am Hans-Mielich-Platz versetzen zu lassen. Aber auf ganz einfache Weise bricht unser „Kunstforum“ auf dem HMP, ein Christbaumsockel, den öffentlichen Raum auf. Verschiedene Künstler können dort ihre Werke für einige Zeit ausstellen, ohne den Weg über tausende Anträge gehen zu müssen. Im Grunde ist dieses „Forum“ ein hässlicher Betonklotz, der Karriere gemacht hat und für weitere Vernetzung sorgt; wir suchen nämlich laufend Künstler und Aussteller. Wir haben überlegt, diesen Klotz anzustreichen, ihn farbig zu gestalten, aber einige Bürger setzten sich dagegen ein. Zu Recht, denn ich frage mich in München oft: muss denn immer alles sauber und perfekt aussehen?

Schließlich leben wir trotz allem in einer Großstadt.

Richtig. Ich vertrete in jeder Hinsicht ein Recht auf Stadt. Doch das „Kunstforum“ zeigt auch, wie wieder Raum zur Diskussion dadurch entsteht, dass die Meinungen der Menschen eben divergieren.

Grenzen konnten Sie aber auch aufbrechen, indem Sie sich für einen Raum für Austausch und Kommunikation einsetzten.

Ja, ich halte diesen Austausch für absolut essentiell, auch zum Abbau von Vorurteilen. Bei unseren Veranstaltungen steht eben die Oma neben Punk, und dass er einen Nasenring trägt, ist vielleicht nicht mehr so furchteinflößend.

Lebensraum“ kann auch in einem wortwörtlichen Sinn verstanden werden. Denn im Zuge der „Aufwertung“ Münchner Stadtteile durch Investoren ist häufig ganz konkret das Recht ansässiger Bürger auf bezahlbare Wohnungen gefährdet. Sehen Sie sich und die Menschen in Ihrer Umgebung auch hiervon betroffen?

Auf jeden Fall. Mein eigenes Engagement begann 1989 mit dem Anliegen, eine Erhaltungssatzung für Untergiesing zu erwirken. In meinem persönlichen Interesse: denn ich bewohne einen Altbau und habe selbst schon einige Räumungsklagen hinter mir. Durch den Bau der U-Bahn und den Zuzug von Firmen und Unternehmen wurde Untergiesing bedeutend aufgewertet; das Klientel des Viertels hat sich in den letzten zwanzig Jahren infolgedessen schon sehr verändert. Das Interesse an Untergiesing wächst - entsprechend steigt auch der Anteil gut situierter Anwohner, denen es keine Probleme bereitet, wenn die Mietpreise durch aufwendige Sanierungen und Neubauten ansteigen. Ich sehe diese Entwicklung als durchaus problematisch an.

Sich „Platz“ oder „Raum“ zu nehmen bedeutet auch: die eigenen Bedürfnisse erst zu nehmen. Sich zu platzieren bedeutet auch: Stellung zu beziehen.  

Dazu fällt mir auch eine gute Geschichte ein: zu Anfang unserer Bemühungen um den Hans-Mielich-Platz bekam ich oft zu hören: diese Anstrengungen seien doch müßig, denn aus diesem „Plätzchen“ könne niemals ein „Platz“ werden. Ich habe diese Menschen immer direkt konfrontiert und meine Argumente vorgebracht. Beispielsweise mit dem früheren Stadtbereichsleiter der VHS München Dr. Karl ist so eine fruchtbare Zusammenarbeit entstanden. Ich denke tatsächlich, dass man sich über die Frage klar werden muss: was ist mir wichtig? Denn es gibt natürlich immer Bedeutenderes, größere Probleme. An ihnen die eigenen Belange zu messen macht nur mutlos.

Während der Jahre meines Einsatzes bin ich auch selbstbewusster geworden. Immer wieder war ich auch heftigen Anfeindungen ausgesetzt und habe diese oft zu lange unerwidert gelassen. Inzwischen konfrontiere ich solche Aussagen und Beleidigungen offen.  

Hat Ihr Engagement Ihr Verhältnis zu Ihrem „Lebensraum“ Untergiesing gewandelt?

Also, ich habe immer schon gerne hier gelebt. Mit Untergiesing ist es schon etwas Besonderes: man kann das oft kleinstädtische Ambiente genießen, ohne die Enge der Provinz zu empfinden. Es bietet sich ja immer die Möglichkeit, einige U-Bahn-Stationen weiter zu fahren. Aber nach dieser langen Zeit in Untergiesing merke ich erst jetzt, dass mich auch die „eingesessenen“ Untergiesinger langsam respektieren. Weil ich mich eben auch nicht verbiegen lasse.

Melly Kieweg ist Gründerin und Sprecherin der Bürgerinitiative „Mehr Platz zum Leben” und setzt sich seit 1997 für die Umgestaltung des Hans-Mielich-Platz ein.

Barbara Keil

Barbara Keil studierte Lateinische und Griechische Philologie sowie Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie lebt und arbeitet in München.

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