Trennungsschmerz beim Frühjahrsputz? Die Österreicher zwischen Raumnot und Sammelwut

Wien, 20. Februar 2014: 10.000 Dinge besitzt jeder Europäer laut dem deutschen
Bundesumweltministerium im Durchschnitt. All diese Dinge nehmen viel Platz im Leben und in der
Wohnung ein. Ein Großteil bleibt jedoch ungenutzt und kann gerade in Großstadtwohnungen ohne
geeigneten Lagerraum schnell zu Ballast werden. Spätestens wenn der Frühjahrsputz ansteht, wird
deshalb immer wieder der große Vorsatz gefasst: Ausmisten und Platz schaffen, um sich von alten
Lasten zu befreien oder einfach wieder mehr Raum zum Leben zu haben. Doch was heben wir auf
und warum? Und weshalb sind Dinge nicht zwangsläufig nutzlos, nur weil sie nicht mehr genutzt
werden? Auf dem Blog „Platzprofessor“ (http://platzprofessor.myplace.eu), einer Initiative der
Humboldt-Universität zu Berlin und des Unternehmens MyPlace-SelfStorage, beschäftigen sich
Wissenschaftler und Praktiker aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Umgang mit
Dingen und dem Raum, den sie im Leben ihrer Besitzer einnehmen
.

„Die Dinge haben nur den Wert, den man ihnen verleiht“ wusste schon Molière. Auch heute, rund
400 Jahre später, beschäftigen sich Philosophen, Wissenschaftler und Autoren aus verschiedenen
Perspektiven mit unserem Umgang mit und den Beziehungen zu Dingen. Die Kulturwissenschaftlerin
Annelie Knust untersucht in ihrer Magisterarbeit „Zum Wegwerfen zu schade?“ unter anderem die
Frage: Welche Dinge sind es uns wert sie aufzuheben? Sie geht dabei von drei Hauptkategorien des
Bewahrens aus: Zum einen gibt es Dinge, die man eindeutig aufbewahrt, zum anderen Dinge, die
man eindeutig nicht aufbewahrt und zum dritten Dinge, über deren Status noch nicht entschieden
wurde. Gerade diese dritte Kategorie birgt die größte Herausforderung beim Aussortieren.
Aufräumcoach Rita Schilke aus Berlin weiß wie schwierig es werden kann gerade Dinge, denen wir
emotionalen Wert verliehen haben, loszulassen. „Wer weiß wann man das nochmal gebrauchen
kann“, ist dann ein typischer Spruch, mit dem wir das überzählige Teeservice doch wieder ins Regal
stellen oder in seiner Kiste verstauen. In ihrem Job sieht Rita Schilke tagtäglich, wie die eigentlich
geliebten Dinge ihrer Kunden, ihnen Zuhause „buchstäblich die Luft zum Atmen nehmen“, schreibt
Sie in ihrem Blog-Beitrag „Umgang mit Freiraum und den Dingen – Bericht aus der Praxis eines
Aufräumcoaches“.

Zu viele Dinge, zu wenig Raum
Auch Annelie Knust stellte fest, dass das tatsächliche „Entsorgen“ ihren Interviewpartnern am
schwersten fällt: „[E]s [ist] offenbar leichter, Abschied von Dingen zu nehmen, wenn man weiß, dass
sie noch einmal einen Gebrauch finden könnten und nicht einfach vernichtet werden“. In der eigenen
Wohnung, wird ein Zuviel an Dingen jedoch schnell belastend. Eine aktuelle Studie des GallupInstituts
zeigt, dass einem Viertel der befragten Großstädter in Deutschland, Österreich und der
Schweiz mehr Stauraum auch mehr Wohnkomfort verschaffen würde.
Doch gerade in den Metropolen sind Stauräume nur sehr begrenzt verfügbar, stellt die
österreichische Sozialwissenschaftlerin Carmen Keckeis während ihrer Forschung fest: „[…]im
Neubausektor scheint ein Abstellraum oder entsprechender Keller kaum berücksichtigt zu
werden,[da]die Schaffung von Wohnraum zuallererst eine Marktleistung dar[stellt], die sich nach
Kriterien wie Wirtschaftlichkeit und Rentabilität richtet.“ Wer zuhause nicht ausreichend Stauraum
zur Verfügung hat, kann beispielsweise ein SelfStorage-Lagerraum nutzen, ein „Hotel für Dinge, die
vorübergehend einen anderen Platz brauchen“, wie Martin Gerhardus, geschäftsführender
Gesellschafter von MyPlace-SelfStorage, seine Lagerräume auch bezeichnet. Es scheint ein
widersprüchliches Verhältnis zwischen zu wenig Raum und unserer Leidenschaft zum Sammeln und
horten, zu geben, doch definieren wir uns über unsere Dinge. Die Berliner Ethnologin Petra Beck
beschreibt es so: „Wir bewegen uns in Dingwelten. [Und] unser Verhältnis zu den Dingen wiederum
definiert unser Verhältnis zur Welt.“

Platzprofessor
Das Blogprojekt Platzprofessor entstand 2011 aus einer Kooperation des Instituts für Europäische
Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Lagerraumanbieter MyPlace-Selfstorage
und dient interessierten (Nachwuchs-)WissenschaftlerInnen und Nicht-WissenschaftlerInnen als
Forum für eine qualifizierte interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Thema „Platz“ und
„Raum“. Auch Studierenden, Absolventen oder Lehrstühlen anderer Universitäten bietet MyPlaceSelfstorage
Unterstützung an, wenn Seminar- oder Abschlussarbeiten zum Thema „Raum“ und
„Platz“ geplant werden.
Weitere Informationen finden Sie auf: http://platzprofessor.myplace.eu und www.myplace.eu